Dr. Kerstin Jepsen-Schiemann

Internistische Rheumatologin aus Harrislee

PSO Magazin: Sie arbeiten in einem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) als Fachärztin für Innere Medizin/Rheumatologie. Wie sind Sie in Kontakt mit dem Deutschen Psoriasis Bund gekommen?

Dr. Jepsen-Schiemann: Ich halte gelegentlich Vorträge vor Kolleginnen und Kollegen und auf Veranstaltungen, die von der Selbsthilfe organisiert werden. Da war ich als Referentin auch vom Deutschen Psoriasis Bund eingeladen worden. So haben wir uns kennengelernt. Später bin ich gefragt worden, ob ich ab und zu eine Patientenanfrage beantworten könnte. Das habe ich gern getan. Und jetzt bin ich in den Wissenschaftlichen Beirat berufen worden.

PSO Magazin: Sie engagieren sich auch in der Deutschen Rheuma Liga. Warum halten Sie Selbsthilfe für wichtig?

Dr. Jepsen-Schiemann: Ich schätze die Arbeit der Patienten-Selbsthilfe sehr. Aus Sicht der niedergelassenen Ärzte ist die Selbsthilfe sehr wichtig. Im Praxisalltag ist es manchmal – auch aus Zeitgründen – sehr schwierig, dem Patienten alle Zusammenhänge ausführlich zu erklären. Patienten, die durch die Selbsthilfe informiert sind, verstehen mehr. Und auch wir Ärzte verstehen besser, was die Patienten wollen.

PSO Magazin: Sie haben nach Abschluss Ihres Medizinstudiums zunächst als wissenschaftliche Assistentin im Institut für Pharmakologie und Toxikologie der Universität Kiel gearbeitet und sich mit der
Wirkung von Medikamenten beschäftigt. Warum haben Sie dann doch noch eine internistische Ausbildung begonnen?

Dr. Jepsen-Schiemann: Ich habe während der Zeit in Kiel gemerkt, dass mir die Arbeit mit Menschen mehr liegt als die reine wissenschaftliche Tätigkeit. Dann war es eigentlich ein Zufall, dass ich eine Weiterbildung zur internistischen Rheumatologin in der Rheumaklinik in Baden-Baden beginnen konnte. Heute sage ich immer, es war mein beruflicher Lottogewinn. Die Arbeit macht mir sehr viel Spaß.

PSO Magazin: Hilft Ihnen heute im Praxisalltag Ihr großes Wissen über die Wirkung von Medikamenten aus Ihrer Zeit in Kiel?

Dr. Jepsen-Schiemann: Ja, sehr. Zwar waren zu Beginn meiner Ausbildung die medikamentösen Möglichkeiten zur Behandlung von entzündlich-rheumatologischen Erkrankungen im Vergleich zu heute
noch sehr eingeschränkt. Aus der Zeit haben im Wesentlichen neben Kortison, Methotrexat (MTX) und Ciclosporin überlebt. Heute gibt es mit den modernen Biologika nicht nur mehr Medikamente, sie sind oft auch sehr viel wirksamer.

PSO Magazin: Welche Rolle haben heute noch die nicht-medikamentösen Formen der Behandlung wie Krankengymnastik und physikalischen Therapien?

Dr. Jepsen-Schiemann: Krankengymnastik wird verordnet, zum Teil vielleicht nicht ausreichend, weil die niedergelassenen Ärzte nur ein eingeschränktes Budget für Heilmittel besitzen. Bei Überschreitung droht der Regress. Insbesondere aber die physikalischen Möglichkeiten werden heute leider im ambulanten, aber auch zunehmend im stationären Bereich immer mehr vernachlässigt und geraten
auch teilweise in Vergessenheit. Ich halte das für eine bedauerliche Entwicklung. Die niedergelassenen Therapeuten bieten diese Formen gar nicht mehr an, weil sie deren Anwendung nicht ausreichend
bezahlt bekommen.

PSO Magazin: Können Sie ein paar Beispiele nennen?

Dr. Jepsen-Schiemann: In meiner Klinikzeit erfuhren die Patienten – natürlich auch in Ermangelung der heute zur Verfügung stehenden medikamentösen Therapien – intensive krankengymnastische-physikalische Therapien. So sind beispielsweise das Stangerbad oder das zwei oder vier Zellenbad, die Iontophorese* ebenso wie die lokalen Eisbehandlungen oder die Kältekammer effektive Maßnahmen zur Schmerzbekämpfung. Der Verbrauch an Schmerzmitteln kann deutlich gesenkt werden. Der Patient wird mobiler. Häufig besteht bei den Patienten ja nicht nur eine Gelenkentzündung, sondern es liegen auch Verschleißerscheinungen an Gelenken und Wirbelsäule oder Muskelverspannungen vor. In diesem Fall wirken beispielsweise Biologika nicht. Die ganze Vielfalt dieser Anwendungen wird heute nur noch von wenigen REHA-Kliniken in Deutschland angeboten.

PSO Magazin: Kann es auch sein, dass der Patient ein bisschen bequemer geworden ist, seit er medikamentös so viele Alternativen hat?

Dr. Jepsen-Schiemann: Das kann schon sein. Dabei bleibt die Physiotherapie bei der Psoriasis- Arthritis enorm wichtig. Die Erkrankung zeichnet sich aus durch ihre Vielschichtigkeit. Das klinische Bild reicht von leichten Beschwerden, die schwer zu fassen sind, bis hin zu schwersten Zerstörungen. Die Gelenke drohen dann, zu versteifen. Dann kann neben einer wirksamen medikamentösen Therapie nur die Bewegungstherapie dies verhindern. Patienten mit Psoriasis- Arthritis entwickeln ja auch häufig Begleiterkrankungen wie Herz-Kreislauferkrankungen, Bluthochdruck, Diabetes und Übergewicht. Und
wenn zu viele Kilos auf den Knien sind, dann tut das noch mehr weh.

PSO Magazin: Wer sollte eine Psoriasis-Arthritis behandeln – der Dermatologe oder der Rheumatologe?

Dr. Jepsen-Schiemann: Diese Patienten haben neben einer Arthritis oft auch eine schwere Psoriasis vulgaris. Dann sollten Rheumatologe und Dermatologe eng zusammenarbeiten. Ist eine Therapie in
Form von Tabletten, Spritzen oder Infusionen erforderlich, sollte der Arzt die Führung übernehmen, in dessen Gebiet die schwerere Symptomatik fällt. Leidet der Patient unter einer schweren Psoriasis
und nur unter leichteren Gelenkbeschwerden übernimmt der Dermatologe die Führung. Steht die Psoriasis-Arthritis eindeutig im Vordergrund und es besteht nur eine leichte Psoriasis, ist der Rheumatologe dran!

PSO Magazin: An den Kliniken klappt die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Fachrichtungen in der Regel ganz gut. Ist das bei den niedergelassenen Ärzten auch der Fall?

Dr. Jepsen-Schiemann: Man muss sich seine Fachkollegen suchen. Hier bei uns im Raum Flensburg klappt es inzwischen ganz gut. Wir stellen uns gegenseitig Patienten vor und sprechen uns ab. Wir besuchen gelegentlich auch gemeinsame Fortbildungen und Kongresse. Gerade die Rheumatologen arbeiten schon seit jeher mit anderen Fachärzten zusammen, weil Rheuma auch immer bedeutet, dass neben den Gelenken und der Wirbelsäule die verschiedensten Organsysteme wie der Darm, das Auge aber auch die Lunge und das Nervensystem erkrankt sein können. So suchen wir die Zusammenarbeit.
Natürlich ist es immer noch verbesserungswürdig. Aber wir sind auf einem guten Weg.

*Iontophorese = in einem Leitelektrolyten gelöste Arzneistoffe werden mittels Gleichstrom durch die
Haut geleitet (penetriert). Meist liegt das Medikament dabei in Salbenform vor.

Interview entnommen aus PSO Magazin 6/2016