PD Dr. Marc Alexander Radtke

Dermatologe und Venerologe aus Hamburg

PSO Magazin: Sie kamen 2009 als junger Oberarzt an das Institut für Versorgungsforschung nach Hamburg-Eppendorf. Hätten Sie es damals für möglich gehalten, wie rasant sich die Therapiemöglichkeiten für Patienten mit Psoriasis in den darauf folgenden Jahren verändern würden?

Dr. Radtke: Ich habe es noch miterlebt, dass Patienten vier Wochen stationär aufgenommen wurden und bei der Behandlung mit Dithranol in Tüchern lagen. Das war eine ganz andere Zeit. Damals hätte noch niemand gedacht, was sich da entwickeln würde. Mittlerweile können wir den Patienten wirklich
besser helfen.

PSO Magazin: Sie sind Leitender Oberarzt am Competenzzentrum für dermatologische Forschung (CeDeF), eines von drei Sektionen des Instituts. Was ist genau Ihre Aufgabe?

Dr. Radtke: Nach meiner Promotion kam ich zunächst an die Hautklinik im Universitätsklinikum Eppendorf. Prof. Dr. Matthias Augustin baute damals gerade das Competenzzentrum für dermatologische Forschung (CeDeF) und für Versorgungsforschung in der Dermatologie (CVderm) auf. Ich hatte das Glück, dort Teil seiner Arbeitsgruppe werden zu dürfen. Ich habe dort die Psoriasis-Sprechstunde mit aufgebaut und bald begannen wir mit klinischer Forschung.

PSO Magazin: Bei der klinischen Forschung werden Medikamente nach der Laborphase an Menschen getestet. Woran haben Sie mitgearbeitet?

Dr. Radtke: Das waren hauptsächlich Studien zu Biologika. Praktisch an allen derzeit verordnungsfähigen Biologika für Psoriasis-Patienten waren wir mit unserer Forschung beteiligt. Heute
sind es vielfach Studien zu Biosimilars. Das sind Folgepräparate von Biologika, bei denen das Patent abgelaufen ist. Die Forschung an neuen Biologika geht aber auch immer weiter.

PSO Magazin: Der zweite Forschungsbereich am CeDeF ist die Versorgungsforschung.

Dr. Radtke: Bei der Versorgungsforschung untersuchen wir Fragen wie beispielsweise: Wie sind die Patienten mit dermatologischen Diagnosen in Deutschland versorgt? Wer versorgt sie? Welche Begleiterkrankungen haben sie? Für das Krankheitsbild Psoriasis betreiben wir die Forschung besonders ausführlich. Bisher haben wir mehr als 30 Einzelstudien abgeschlossen. Das ist das weltweit größte Forschungsprogramm zur Versorgung der Psoriasis.

PSO Magazin: Was sind bisher Ihre wichtigsten Ergebnisse?

Dr. Radtke: Beispielsweise haben wir ermittelt, dass etwa ein Drittel der Psoriasis-Patienten unter schweren Einbußen in der Lebensqualität leidet. Das sind Faktoren wie Hilflosigkeit, Stigmatisierung, Einschränkung der Berufsausübung, Beeinträchtigungen in Freizeit und Alltag, psychische Störungen wie Depression, Angst und ein erheblicher negativer Einfluss auf das Sozialleben. In einer europaweiten Studie haben wir zudem gefunden, dass ein Drittel der befragten Patienten aufgrund ihrer Psoriasis in den letzten zweiJahren drei oder mehr Ärzte konsultiert haben, während 21 Prozent mangels Aussicht auf Heilung keine medizinische Betreuung mehr in Anspruch nahmen. Unsere Studien zeigten leider auch, dass es eine Diskrepanz zwischen dem Angebot an effizienten Therapien der Psoriasis und der derzeitigen Versorgungssituation gibt.

PSO Magazin: Es existiert in Deutschland aber doch eine S3-Leitlinie für die Behandlung der Psoriasis vom Plaquetyp. Dort werden doch Therapie-Empfehlungen gegeben.

Dr. Radtke: Das stimmt. Allerdings bleibt bei mittelschwerer bis schwerer Psoriasis immer noch ein Anteil von 20 Prozent bis 50 Prozent ohne leitliniengerechte Versorgung. Das ist regional sehr schwankend.

PSO Magazin: Was wird dagegen getan?

Dr. Radtke: Mit Unterstützung der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft (DDG) und dem Berufsverband der Deutschen Dermatologen (BVDD) wurden und werden auch weiterhin regionale Psoriasisnetze unter dem Namen "PsoNet" eingerichtet. Sie haben sich die Verbesserung der Versorgung auf die Fahnen geschrieben, sie kooperieren dazu auch mit anderen Arztgruppen und Kliniken. Patienten finden Ansprechpartner auf der Internetseite www.psonet.de.

Interview entnommen aus PSO Magazin 6/2015