Prof. Dr. Matthias Augustin

Dermatologe, Venerologe und Allergologe aus Hamburg

PSO Magazin: Sie sind 2007 in den Wissenschaftlichen Beirat des DPB berufen worden. Das ist elf Jahre her. Was hat sich seitdem bei Ihnen verändert?

Professor Augustin: Es hat seit meinem Eintritt in den Beirat eine ganze Serie von Ereignissen gegeben. So haben wir beispielsweise gleich 2007 die erste Leitlinie für die Psoriasis veröffentlicht. 2008 haben wir mit der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft (DDG) und dem Berufsverband der Deutschen Dermatologen (BVDD) das Psoriasis-Netzwerk PsoNet gegründet und auch das Psoriasis-Register PsoBest auf den Weg gebracht. 2009 haben wir uns dann das erste Mal in der Nationalen Versorgungskonferenz zur Psoriasis zusammengesetzt und treffen uns seither jedes Jahr wieder. Dabei wurden gemeinsam mit dem Deutschen Psoriasis Bund die Nationalen Versorgungsziele 2010 - 2015 für die Psoriasis formuliert und eingeführt.

PSO Magazin: Ziel des Netzwerks PsoNet ist es, die Versorgungsqualität von Patienten mit Psoriasis zu verbessern. Das geschieht durch Kooperation zwischen Kliniken und Praxen sowie mit verschiedenen
ärztlichen Disziplinen und durch Fortbildungen. Wie viele Ärzte sind denn inzwischen am Netzwerk beteiligt?

Professor Augustin: Gestartet sind wir 2007 mit 20 Ärzten, heute sind es 900. Es sind inzwischen fast alle Dermatologen vertreten, die im Bereich der Psoriasis Vollversorger sind.

PSO Magazin: Wie viele Ärzte beteiligen sich am Patienten-Register PsoBest?

Professor Augustin: Das sind inzwischen 860, was wirklich ein großer Erfolg ist. Unsere Daten zur Versorgungsforschung zeigen, dass sich die leitliniengerechte Versorgung bei Patienten mit schwerer
Psoriasis in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt hat. Auch die Lebensqualität der Patienten ist im genannten Zeitraum laufend gestiegen.

PSO Magazin: Sie weisen aber trotz dieses Erfolges immer wieder darauf hin, dass bei weitem noch nicht alle Patienten mit mittelschwerer bis schwerer Psoriasis eine angemessene Therapie erhalten.

Professor Augustin: Das ist richtig. Immer noch liegt der Anteil der Dermatologen, die Patienten mit schwerer bis mittelschwerer Psoriasis mit der gesamten Bandbreite der zur Verfügung stehenden
Medikamente therapieren, bei nur 35 Prozent. Da muss noch nachgebessert werden.

PSO Magazin: Wie kann man das erreichen?

Professor Augustin: Es kommt nicht darauf an, dass alle Dermatologen alle Hauterkrankungen
voll versorgen können. Dafür ist das Spektrum inzwischen zu breit geworden. Aber es kommt darauf an, dass Kollegen notfalls weiter überweisen, wenn sie nicht spezialisiert sind. Und da kommt das Psoriasis-Netz ins Spiel. Über die Internetplattform www.psonet.de findet man leichter zueinander.

PSO Magazin: Trotzdem zeigen Ihre Zahlen, dass Psoriasis-Patienten in sieben von zehn Fällen auf Dermatologen stoßen, die keine Psoriasis-Vollversorgung betreiben.

Professor Augustin: Das stimmt. Die fehlende Transparenz finde ich nicht akzeptabel. Ich halte es für eine Aufgabe der Dermatologen, die Patienten darüber zu informieren, welche Spektren sie behandeln. Es ist nicht Aufgabe der Patienten, sich diese Informationen mühevoll besorgen zu müssen. Eine interessante Möglichkeit, hier für bessere Aufklärung zu sorgen, ist das Qualitätssiegel Psoriasis, das die Deutsche Dermatologische Akademie (DDA) seit eineinhalb Jahren vergibt. Ärzte, die das Siegel bekommen möchten, müssen ziemlich hohe Hürden überwinden.

PSO Magazin: Gibt es denn für Dermatologen überhaupt einen Anreiz, das Siegel erwerben zu wollen? Die Folge ist doch sicherlich, dass in ihre ohnehin schon ausgelasteten Praxen noch mehr Patienten
mit Psoriasis kommen.

Professor Augustin: Da haben Sie natürlich Recht. Und die Vergabe der Siegel lief bisher auch eher schleppend. Aber jetzt kommt langsam Dynamik in die Sache. Die ersten Krankenkassen interessieren sich dafür, mit Dermatologen Versorgungsverträge für die Psoriasis-Behandlung abzuschließen. Da fließt dann natürlich Geld für bessere Behandlung. Und es stellt sich die Frage, woran die Kassen erkennen können, welcher Dermatologe eine gute Versorgung anbietet. Da ist das Siegel eine gute Orientierung.

PSO Magazin: Wie sieht es bei den Hausärzten aus? Viele Psoriasis-Patienten wenden sich ja auch an die Allgemeinmediziner – sei es, weil der Weg zu einem Dermatologen zu weit ist, oder weil es
zu schwierig ist, dort einen Termin zu bekommen.

Professor Augustin: Wir wissen, dass 30 bis 40 Prozent der Psoriasis-Patienten sich
von ihrem Hausarzt behandeln lassen. Und es ist klar, dass die nicht alle Leitlinien der Fachärzte kennen können. Deshalb haben wir jetzt neu eine Studie unter Hausärzten begonnen. Wir wollen herausfinden, an welchen Stellen es hapert. Dabei sind wir komplett ergebnisoffen.

PSO Magazin: Da ist wirklich viel in Gang gekommen in den vergangenen zehn Jahren. Das neuste Feld, auf dem Sie sich engagieren, ist die Teledermatologie. Sie sind Mitgründer und Mitglied im Bundes-
Forum "Teledermatologie". Das Forum gibt es seit 2015 gibt. Was genau will es erreichen?

Professor Augustin: Die moderne Computer- und Internettechnologie bietet zunehmend attraktive Möglichkeiten. Das beginnt schon mit einer schnelleren und besseren Erreichbarkeit von Daten. Es wäre gut, wenn Fachärzte sich rasch und unkompliziert über die Krankenakte eines neuen Patienten informieren könnten. Darüber hinaus kann über moderne Kommunikationswege der Patient beim
Verlauf einer chronischen Erkrankung besser begleitet werden, ohne dass er den Arzt immer erst aufsuchen müsste. Beispielsweise könnten Laborbefunde per Videosprechstunde besprochen werden. Für die fünf Minuten, die so ein Gespräch dauert, lohnt sich der Weg für den Patienten eigentlich nicht. Aber es ist immer besser, noch einmal kurz gesprochen zu haben, anstatt die Befunde einfach nur per Post zu schicken. Auch ist es möglich, in kürzerem Abstand als alle drei Monate dem Patienten kleine Erinnerungen beispielsweise über die Einnahme von Medikamenten etwa auf das Handy zu schicken. Und es können personalisierte Informationen für die Patienten auf Plattformen bereitgehalten werden.

PSO Magazin: Ist das nicht für den Arzt eine zusätzliche Belastung, wenn er jetzt auch noch für jeden Patienten einzeln Handynachrichten und auf den Patienten zugeschnittene Informationen zusammentragen soll?

Professor Augustin: Mehr Qualität muss den Ärzten natürlich bezahlt werden. Allerdings ist dann ein gewisses Investment erforderlich, das sich aber langfristig auszahlen wird. Wir helfen den Kollegen
auch, indem wir gerade für verschiedene Hauterkrankungen Infopakete erstellen, die sie dann an ihre Patienten weitergeben können. Ich denke, dass sich auf dem Feld der Teledermatologie eine Menge
tun wird. Dieses Feld birgt Potenziale und es macht zurzeit vor keiner Erkrankung Halt.

PSO Magazin: Die WHO hat das deutsche Psoriasis-Management-System als weltweites Best-Practice-Beispiel ausgewiesen. Das ist ein großes Lob für Ihre Arbeit und die der vielen Kolleginnen und
Kollegen in ganz Deutschland, die in den Psoriasis-Zentren forschen und arbeiten. Aber lässt sich das Beispiel Deutschland überhaupt auf andere Länder übertragen?

Professor Augustin: Das geht so einfach natürlich nicht. Jedes Land schaut, welche Scheibe es sich abschneiden kann. Was alle Länder sicherlich trotz unterschiedlicher Gesundheitssysteme einführen
können, ist die Formulierung von Versorgungszielen, deren Erreichen dann anhand von messbaren Daten überprüft werden kann.

PSO Magazin: Versorgungsdaten sind also ein wichtiges Instrument für die Entwicklung in der Medizin.

Professor Augustin: Auf jeden Fall. Sie waren auch wirksam bei Entscheidungen im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA). Wir haben dort viel im Sinne der Patienten durchgebracht, weil wir die Datenhoheit haben. Diese Expertise kann dort sonst niemand einbringen. Übrigens arbeiten
wir im G-BA ebenfalls gut mit den Patientenvertretern zusammen.

PSO Magazin: Welche Rolle spielt für Sie die gesundheitliche Selbsthilfe bei der Verbesserung der Versorgung bei Psoriasis?

Professor Augustin: Für uns ist sie sehr wichtig. Alles, was wir tun, tun wir im Zusammenwirken mit Patienten. Das ist ein Erfolgsfaktor für uns Ärzte. Der DPB verschafft uns mehr Nähe zu den Patienten
und Einblick in ihren Alltag. Das verleiht unseren Argumenten mehr Glaubwürdigkeit. Zusammen können wir mehr bewirken.

Interview entnommen aus PSO Magazin 3/2018