Prof. Dr. Wolfgang Harth

Dermatologe und Psychotherapeut aus Berlin

PSO Magazin: Sie sind vor zwei Jahren Chefarzt an der Klinik für Dermatologie und Allergologie des Vivantes Klinikums in Spandau geworden. Als Sie anfingen, haben Sie sich gleich dafür eingesetzt, drei Psychotherapeuten einzustellen. Warum halten Sie die psychologische Betreuung von Hautpatienten für so wichtig?

Professor Harth: In der Tat habe ich die psychologische Betreuung aber auch die Therapie mit Biologics massiv ausgebaut. Patienten mit Psoriasis gehören zu den chronisch Kranken, die eine besonders hohe Einschränkung an Lebensqualität empfinden und sie entwickeln häufiger Depressionen als Gesunde. Das sind inzwischen gesicherte Erkenntnisse. Psoriasis ist eine multifaktorielle Erkrankung. Psychosomatische Faktoren spielen eine wichtige Rolle für die Krankheitsbewältigung.

PSO Magazin: Bedeutet das, dass alle Psoriasis-Patienten, die in Ihre Klinik kommen, automatisch zum Psychotherapeuten geschickt werden?

Professor Harth: Wir zwingen selbstverständlich niemanden. Wir machen es den Patienten nur leichter. Arzt und Psychologen arbeiten in denselben Räumlichkeiten. Wir müssen niemanden überweisen, es gibt keine langen Wartezeiten. Das hilft bei vielen, Berührungsängste abzubauen.

PSO Magazin: Das ist ungewöhnlich. Ebenso ungewöhnlich ist Ihr besonderes Augenmerk auf Männer. Sie bieten einen "Schwerpunkt Männergesundheit" in Ihrer Klinik an.

Professor Harth: Der beinhaltet viele Aspekte wie beispielsweise Erektions- oder Hormonstörungen und Therapien bei unerfülltem Kinderwunsch. In Bezug auf die Psoriasis lässt sich feststellen, dass Männer sich häufig besonders schwertun, psychosomatische Beschwerden zu erkennen und darüber zu sprechen. Frauen setzen sich eher zu viel damit auseinander.

PSO Magazin: Sie sind auch Verfasser des Lehrbuchs "Psychologische Dermatologie". Wissen Dermatologen ausreichend Bescheid über die Zusammenhänge zwischen Psyche und Hauterkrankungen?

Professor Harth: Wir führen auch wissenschaftliche Tagungen für niedergelassene Kollegen durch und arbeiten im PsoNet mit. Es ist aber schwierig, psychosomatische Probleme im Praxisalltag aufzunehmen. Wenn der Dermatologe beispielsweise feststellt, dass die Leberwerte erhöht sind und dem Psoriasis-Patienten den Rat erteilt, mit dem Alkohol aufzupassen, reicht das natürlich nicht. Alkohol ist aber in der Tat ein großes Problem bei vielen Menschen mit Psoriasis. An diesen Stellen müssen wir noch viel mehr Aufklärungsarbeit leisten.

PSO Magazin: Wie sollte für Sie also eine gute Versorgung von Psoriasis-Patienten aussehen?

Professor Harth: Wir sollten zu einer individuellen Therapie kommen, die biopsychologisch-sozialmedizinische Aspekte einbezieht. Das bedeutet einerseits, dass die medizinische Versorgung der Psoriasis bestmöglich gewährleistet sein muss. Dazu sollte aber auch den psychologischen Problemen mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. Und drittens wäre es zu wünschen, dass das Augenmerk immer auch auf die sozialmedizinischen Aspekte gerichtet wird. Damit sind Auswirkungen auf den sozialen Bereich gemeint wie etwa in der Partnerschaft oder im Beruf, wenn jemand etwa an der Kasse arbeitet oder als Fleischer.

PSO Magazin: Das bedeutet für den Psoriasis-Patienten dann, dass er von einem Arzt zum nächsten laufen muss, um seine Psoriasis allumfassend behandeln zu lassen.

Professor Harth: Das kann ebenso ein Dermatologe sein, zu dem der Patient einen engen Bezug hat und dem er seit Jahren vertraut. Der vertraute Hautarzt erkennt am Zustand der Haut und im Gespräch sehr schnell, wenn der Patient psychosomatische Probleme oder Schwierigkeiten im Beruf, Partnerschaft oder im Alltag hat, die sich auch auf den Krankheitsverlauf niederschlagen können.

PSO Magazin: Diese Art Behandlung braucht aber viel Zeit.

Professor Harth: Das ist richtig. Wir sollten dafür kämpfen, dass solche Gespräche auch bezahlt werden. Dermatologen, die heute so viel Zeit für einen Patienten aufwenden, können ihre Praxis bald schließen. Der Arzt-Patienten-Kontakt muss wieder viel mehr aufgewertet werden.

Interview entnommen aus PSO Magazin 3/2011