PD Dr. Sascha Gerdes

Dermatologe und Venerologe aus Kiel

PSO Magazin: Sie sind Leiter des Bereichs Klinische Studien im Psoriasis-Zentrum der Universitätshautklinik Kiel. Was machen Sie dort?

Dr. Gerdes: In unserem Studienzentrum führen wir nationale wie internationale klinische Studien mit neu entwickelten innerlichen oder äußerlichen Medikamenten durch. Dadurch können wir das Therapiespektrum für unsere Patienten mit Psoriasis über die normale Routineversorgung hinaus deutlich erweitern. Des Weiteren können wir auf unser Studienzentrum zurückgreifen, wenn wir wissenschaftliche klinische Projekte durchführen. Vor Kurzem haben wir eine Pilotstudie zur Gewichtsreduktion bei Patienten mit Psoriasis abgeschlossen. Die Probanden haben dabei ein Internet-basiertes Programm nutzen können, das sie sowohl bei der Reduktion des Körpergewichts als auch beim Halten des Zielgewichts unterstützt hat.

PSO Magazin: Es ist bekannt, dass Menschen mit Psoriasis häufig übergewichtig sind. War das Programm zur Gewichtsreduktion erfolgreich?

Dr. Gerdes: Die erwähnte Pilotstudie konnte bereits ausgewertet werden und ist zur Publikation eingereicht. Vier von neun Patienten, die den Online-Coach benutzt haben, konnten ihr Gewicht
deutlich reduzieren. Diese vier Patienten haben mehr als 8 kg in 12 Wochen abgenommen. Wir sind sehr zufrieden mit dem Ergebnis dieser Untersuchung und freuen uns mit unseren Patienten über
ihren tollen Erfolg. Für die eigentliche Hauptstudie konnten inzwischen 130 Patienten gefunden werden, die daran teilnehmen. Von dieser Studie erwarten wir neben den kurzfristigen Ergebnissen
nach drei Monaten Gewichtsreduktion auch eine Aussage über den Gewichtsverlauf nach insgesamt einem Jahr Online-Coach. Seit Ende Juni 2015 können wir allen Patienten in der Routineversorgung
das endgültige Programm anbieten. Es ist unter dem Namen „BeWegbereiter” erhältlich. Der Zugangscode wird von Hautärzten vergeben, die das Programm von dem Pharmaunternehmen Janssen, mit dem wir das Programm gemeinsam entwickelt haben, zur Verfügung gestellt bekommen.

PSO Magazin: Sind Sie ausschließlich in der Forschung tätig oder behandeln Sie auch Patienten?

Dr. Gerdes: Neben dem Studienzentrum haben wir auch eine Psoriasis-Sprechstunde, die für alle ambulanten Patienten offen ist. Hier vergeben wir ca. 50 Termine pro Woche, wobei sechs Termine für neue Patienten mit Schuppenflechte reserviert sind. Für Patienten, die das erste Mal in unser Zentrum
kommen, vergeben wir 45 Minuten, um ausreichend Zeit für die Anamnese und eine umfassende Beratung zu haben. An einigen Tagen der Woche betreue ich die Sprechstunde selbst, sonst stehe ich
den anderen Kollegen unseres Psoriasis-Zentrums für Fragen jederzeit zur Verfügung.

PSO Magazin: Sie sind ein ausgewiesener Spezialist in Bezug auf Psoriasis. Gerade haben Sie sich erfolgreich mit dem Thema Psoriasis und Begleiterkrankungen habilitiert. Was reizt Sie an der Dermatologie und insbesondere an Psoriasis?

Dr. Gerdes: Schon zum Ende des Medizinstudiums war für mich klar, dass ich einmal Hautarzt werden möchte. Mich fasziniert an dem Fach, dass wir Patienten aller Altersgruppen behandeln, und dass die Dermatologie ein visuelles Fachgebiet ist. In der Regel sehen wir die Erkrankungen, die wir behandeln, mit dem bloßen Auge und können auch den Verlauf der Erkrankungen so beurteilen. Dank eines glücklichen Zufalls hat mich meine erste Stelle gleich in die Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Ulrich Mrowietz in
Kiel geführt. Bei ihm durfte ich von Anfang an im Bereich Psoriasis arbeiten, und mit ihm gemeinsam durfte ich unser Psoriasis-Zentrum inklusive des Studienzentrums aufbauen. Von daher habe ich seit nunmehr über elf Jahre eine feste Bindung zur Psoriasis, die ich auf keinen Fall mehr aufgeben möchte. Zusätzlich haben wir die Möglichkeiten, unsere Patienten im Psoriasis-Zentrum intensiv zu betreuen. Das bringt viel Freude in den Alltag.

PSO Magazin: Wie sieht die intensive Betreuung aus?

Dr. Gerdes: Neben der Psoriasis-Sprechstunde, dem Studienzentrum und einem Forschungslabor, das von Professor Mrowietz geleitet wird, sind wir Teil des Exzellenzzentrums Entzündungsmedizin. Dort arbeiten wir mit Fachärzten anderer Disziplinen zusammen, wie beispielsweise Rheumatologen, Gastroenterologen und Ernährungsmedizinern. Patienten, bei denen es aufgrund von Begleiterkrankungen notwendig ist, können wir somit eine interdisziplinäre Betreuung anbieten und besprechen unsere Patienten jede Woche gemeinsam. Das ist wirklich eine außergewöhnliche Möglichkeit, Medizin auf höchstem Niveau anzubieten.

PSO Magazin: Seit vier Jahren begleiten Sie als Dermatologe die Jugendcamps des DPB. Wie ist es dazu gekommen?

Dr. Gerdes: Ich bin sehr froh, dass ich über den Psoriasis Bund die Möglichkeitbekommen habe, seit vier Jahren Teil des Jugendcamps zu sein. Es ist mir ein wichtiges Anliegen geworden, das ich gern unterstütze. Gerade die Kindheit und Pubertät ist für Kinder und Jugendliche mit Psoriasis eine schwierige Phase. Im Camp kann ich mit dermatologischen Informationen zusätzliche Unterstützung
anbieten und Hintergrundinformationen liefern. Mein Kollege Rolf Bäumer begleitet das Camp seit dem ersten Mal als Psychologe und unterstützt die Teilnehmer im Umgang mit ihrer Erkrankung. Dieses Format ist einmalig in Deutschland, und es ist schön zu sehen, wie sehr die Teilnehmer davon profitieren. Ich erlebe häufig Jugendliche, die sehr skeptisch zum Camp erscheinen und am Ende begeistert nach Hause zurückkehren.

PSO Magazin: Einer Ihrer Forschungsschwerpunkte ist der Zusammenhang von Psoriasis mit Begleiterkrankungen. Gerade haben Sie zu diesem Thema Ihre Habilitationsschrift fertiggestellt. Gab
es dabei neue Erkenntnisse?

Dr. Gerdes: Ich habe nach Biomarkern im Serum von Patienten mit Schuppenflechte gesucht, die in einer Verbindung zwischen Psoriasis und ihren Begleiterkrankungen stehen könnten. Biomarker sind messbare biologische Parameter, wie z.B. Botenstoffe des Körpers, die Rückschlüsse auf Gesundheit,
Krankheit oder den Erfolg einer medikamentösen Behandlung erlauben können. Dabei bin ich u.a. auf ein Molekül gestoßen, das auch gehäuft bei stark übergewichtigen Menschen zu finden ist. Es hat dort eine Bedeutung bei der Entwicklung einer Insulin-Resistenz, häufig einer Vorstufe eines Diabetes Typ2.
Genau dieses Molekül – es heißt wnt5a – konnte ich auch bei Patienten mit Psoriasis im Blut finden. Und zwar ebenso bei übergewichtigen wie bei schlanken Psoriasis-Patienten. Deswegen vermuten wir jetzt, dass der Anstieg von wnt5a bei der Entwicklung von metabolischen Begleiterkrankungen bei  Psoriasis eine Rolle spielen könnte.

Interview entnommen aus PSO Magazin 4/2015